Würde der Schneider

Ehret die Schneider, sie nähen und schaffen,
Himmlische Kleider für irdische Laffen,
Flechten der Mode beglückendes Band.
Decken die Mängel mit Werg und mit Watte
Wo die Natur nur Äsopenform hatte;
Schaffen Apolle mit kundiger Hand.

Ewig in des Leders Schranken
Tummelt Schuster seine Kraft
Ledern werden die Gedanken
Und das Herz zum Stiefelschaft.
Hastig greift er nach dem Riemen,
Wenn der Junge schlecht gepicht;
Rastlos bohrt er mit dem Pfriemen,
Bis der Pechdraht Nähte flicht.

Aber mit zaub'risch schaffender Nadel
Schmücket der Schneider die Fürsten, den Adel
Hat er uns Stutzer so göttlich wattiert.
Wer unterscheidet die Magd und die Zofe
Oft von der glänzenden Dame am Hofe,
Wenn das Genie sie des Schneiders drapiert?

Feindlich ist des Fleischers Streben
Mit zermalmender Gewalt
Geht er Ochsen an das Leben,
Macht er Schöps' und Schweine kalt.
Was er schuf, verzehrt man wieder,
Nimmer ruht der Wurstgenuß;
Daß er, bis die Sonne nieder,
Ewig Därme füllen muß.

Aber zufrieden mit stillerer Größe,
Nähet der Schneider die Taschen und Schöße,
Bögelt sie sorgsam mit liebendem Fleiß.
Frei sich gebärdend mit Schere und Elle,
Werfend eroberte Stücken zur Hölle,
Fürchet er nimmer sie werde ihm heiß.

Streng und stark den Hammer schwingend
Kennt des Grobschmieds kalte Brust,
Stahl und Eisen stolz bezwingend,
Nur des Schlages rohe Lust.
Winket Ruhe andern labend,
Ist ihm Hämmern nur ein Schmaus;
Drum bläut er zum Feierabend
Noch der Frau den Rücken aus.

Aber, wie leise von Zephyr erschüttert
Schnell die äolische Harfe erzittert,
Fürchtet der Schneider den häuslichen Brand;
Zärtlich geängstigt von zornigen Mienen,
Suchet er knieend das Weibchen zu sühnen
Und der Pantoffel - entsinkt ihrer Hand.

In des Wehrstands Herrschgebiete
Gilt der Stärke trotzig Recht;
Mit der Knute lehrt der Skythe,
Daß der Pole nur sein Knecht.
In dem Exerzier-Getümmel
Schwingt den Stock der Korporal
Und kuranzt den Bauernlümmel
Wie den Stutzer, ohne Wahl.

Aber mit Sanftmut hoch über dem Tadel,
Führen die Schneider den Szepter der Nadel,
Einen versöhnend was platzend getrennt;
Wissen die Stücken, die ewig nicht passen,
Wieder in liebliche Formen zu fassen,
Daß man das Alte im Neuen nicht kennt.

In des Tischlers Handwerkstätte
Ist der Leim Autorität;
Und er leimt so früh als späte,
Leimt die Kunden und das Brett.
Bis er Sprung und Mackel berge,
Hat er weder Rast noch Ruh;
Selbst den Riß zersprengter Särge
Klebet er mit Leime zu!

Aber der Schneider, der Formen Gebieter,
Nähert das Ird'sche dem Göttlichen wieder,
Mit des Geniees allmächt'ger Gewalt.
Das Ideal nur im Auge, das hehre
Ist der Triumph seiner Nadel und Schere,
Des Incroyables verklärte Gestalt!

Anonym

Quelle:

Deutsche Lyrikparodien, Reclam Verlag, Stuttgart

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